Donnerstag, 17. März 2011

Vincent van Gogh und Morbus Menière - Von Liebe, Leid und Dunkelheit

Bild: Tuna von Blumenstein
Anständige Mädchen gehen im Hellen nach Hause. Manchmal, gerade in der dunklen Jahreszeit, lässt es sich nicht verhindern, dass ich bei schlechteren Lichtverhältnissen unterwegs bin. Da machen sich die Störungen des Gleichgewichts bei meiner Steh- und Gehmotorik bemerkbar. Das versuche ich natürlich durch erhöhte Aufmerksamkeit wett zu machen. Wenn es mir möglich ist, verlasse ich unebene Bürgersteige und benutze die Straße.

Sie werden sicherlich den Begriff der »wandelnden Dorfzeitschrift« kennen, vielleicht wohnt ja eine solche Person in Ihrer Nachbarschaft. Stellen Sie sich vor, eine solche Person würde mich regelmäßig abends von ihrem Aussichtspunkt betrachten, wie ich mit unsicherem Gang den Heimweg beschreite. Sie würde denken: »Oh Straße, was bist du so wunderlich! Na, Sylvia hat aber wieder ordentlich einen gehoben!« In der Tat kann dieser Eindruck entstehen. Jetzt stellen Sie sich bitte weiter vor, irgendein junger Naiver hätte bei Tageslicht ein interessiertes Auge auf mich geworfen und befragt diese benannte Dorfzeitschrift, ob sie etwas über mich wüsste. Was denken Sie, wie die Antwort ausfallen würde? Richtig: »Lass es bleiben, die Frau trinkt!«

Wahrscheinlich würde ich von einem solchen Gespräch nichts erfahren und was ich nicht weiß, kann mich nicht betrüben. Die theoretische Chance, eine solche Aussage zu revidieren hätte ich schon, wenn ich denn wollte. Jetzt, wo ich auch ärztlich bestätigt nachweisen kann, dass ich an Morbus Menière leide. Das konnte ich aber in den ersten 20 Jahren meiner Erkrankung nicht. Da galt ich als Simulant, war eine Frau, die sich scheinbar auf problematische Art und Weise interessant machen wollte, war auch Sticheleien ausgesetzt und wurde sogar ausgelacht. Gut, Sie haben recht, ich hätte mich auch aus dem kaltschnäuzigen Umfeld entfernen können, zumal ich ja schon früh ahnte, woran ich krankte. Dass es »vom Ohr« kam, war mir klar, außerdem konnte ich die Symptome dank medizinischer Bücher schon zu frühem Zeitpunkt selbst herausfinden. Trotzdem mag ich mich nicht an all die dummen Sprüche und gut gemeinten Ratschläge selbst ernannter Wunderheiler erinnern.

Lassen Sie dieses Gefühl von Verbitterung ruhig weiter auf sich wirken und begleiten Sie mich auf eine Zeitreise in das Jahr 1888 und dort in das südfranzösische Arles. In eine Zeit, zu einem Ort, an dem es keine Telekommunikation, kein Internet, kein Fernsehen gab, aber dafür bestimmt in jedem zweiten Haus eine »wandelnde Dorfzeitschrift«. Erst 16 Jahre vorher hatte der französischer Neurologe Jean-Martin Charcot die Symptome als Menière'sche Erkrankung bekannt gemacht, was sich aber wohl noch nicht in vollem Umfang herumgesprochen hatte.

In Arles hielt sich ein Genie namens Vincent van Gogh auf, der im Oktober des Jahres den Maler Paul Gauguin zu sich einlud, um mit ihm gemeinsam zu arbeiten. Gauguin hatte der Einladung nur zögerlich nachgegeben. Beide Männer waren religiös orientiert vorbelastet, Vincent van Gogh hatte in Vorzeiten als Hilfsprediger gearbeitet, sich aber zu dem Zeitpunkt von der Amtskirche abgewandt. Paul Gauguin hatte in der Internatsschule den Bischof Félix Dupanloup als Lehrer, der ihn in katholischer Liturgie und Philosophie unterrichtete.

Beiden Männern dürfte das Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5 also die Bergpredigt bekannt gewesen sein: »Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.«

Es ist nie geklärt worden, warum sich Vincent van Gogh bei einem Streit mit Paul Gauguin ein Stück seines Ohres abschnitt. Für mich, als Menière Patientin ist diese Angelegenheit allerdings völlig klar. Was, wenn Paul einen Anfall bei Vincent miterlebt, ihn vielleicht während eines Anfalles aufgefunden hat? Davon ausgegangen ist, dass Vincent, wie ja allgemein bekannt war, was jede Dorfzeitschrift wusste, dem Absinth wieder zugesprochen hat? Was, wenn Vincent, geschwächt durch die Anfälle, verzweifelt mitteilte: »Es kommt vom Ohr!« Und Paul darauf den dummen Spruch setzte: »Dann schneide es doch ab!«

...
Selbstporträt mit verbundenem Ohr und Pfeife (1889)
hat vincent geschwindelt
war er ein bruder im leid

ich weiß es nicht
aber was ich weiß
hätte mir jemand am ende
meiner zwei jahrzehnte menière gesagt
wir müssen das ohr abschneiden
hätte ich gesagt
macht das
hauptsache
es hört auf …

Für Vincent folgte eine Zeit der Aufenthalte in Krankenhäusern und Nervenheilanstalten.

Im Mai 1890 reiste Vincent van Gogh nach Auvers. Er ist Gast von Dr. Gachet, in dessen Tochter sich Vincent verliebt. Diese Liebe wird ihm von dem Vater der Frau verboten. Warum wollte Dr. Gachet Vincent nicht zum Schwiegersohn? Vielleicht, weil die Dorfzeitungen es von den Dächern pfiffen, dass Vincent in der Dunkelheit betrunken durch die Gassen stolpert?

Auch in Auvers blieb Vincent nicht von Anfällen verschont. Wieder kann ich mich der gängigen Meinung nicht anschließen, kein Liebeskummer kann einem Menière Anfall in der Qualität der meinen das Wasser reichen. Unterstelle ich, dass Vincent mindestens so gebeutelt wurde wie ich, wird er, so wie ich auch, irgendwann den Entschluss gefasst haben: »Dieser Anfall war definitiv der letzte«. Mir wurde die Gnade erteilt, bei meinem Hausarzt die Überweisung zur Gentamycin Behandlung abzuholen. Vincent wird sich die Schusswaffe besorgt haben. Wo ich mir auch sicher bin: Vincent hat das Leben trotz allem geliebt, wird, wie ich auch, immer wieder gehofft haben, dass dieser Anfall nicht so heftig ausfällt wie die vorhergehenden. Sie fragen sich, wieso ich das so bestimmt schreiben kann? Nun, Vincent hat zu lange gewartet, bevor er abdrückte. Und so kommt es, dass er als verzweifelter Versager in die Geschichte einging, der es noch nicht einmal schaffte, sich richtig zu erschießen. Glauben Sie mir eins: Es wäre ein großes Glück im Unglück gewesen, wenn er den Schuss richtig gesetzt hätte, aus meiner Sicht bei einem Menière Anfall ein fast unmögliches Unterfangen.

Für Ihre Aufmerksamkeit danke ich Ihnen und vielleicht ist es mir gelungen, einen Denkanstoß zu geben, wer Vincent van Gogh verstehen will, sollte auch Morbus Menière in seine Überlegungen einbeziehen.

Ihre



Kommentare:

  1. Liebe Sylvia,

    Dein Beitrag macht Nichtbetroffenen diese tückische Krankheit hervorragend begreifbar. Einfach furchtbar, wenn man sowas durchmachen muss. Ich wünsche Deinem Buch eine weite Verbreitung, auch und gerade bei Menschen, die nicht unter Menière leiden. Dann sind sie mit Vorurteilen á la: "Die ist doch besoffen!" vielleicht nicht mehr so schnell bei der Hand.

    Liebe Grüße,

    Ursula

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  2. Liebe Sylvia, ich wünsche Dir jeden Tag, dass man ein Mittel findet, um auch bei Dir eine vollständige Heilung von dieser tückischen Krankheit herbeizuführen. Ich bewundere, wie tapfer Du bist.

    Dein Beitrag ist hervorragend.

    Herzlichst Helga

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